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Weblog von Zackenbarsch (Friedhelm Schmitz)

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Saturday, September 03, 2005

Gebrauchslyrik

Aus der Werkstatt eines Verseschmieds


Vorweg: Ich bin kein Dichter!

Als ich noch ein kleiner Junge war, wollte ich zwar mal einer werden, aber das Schicksal hat es rechtzeitig verhindert. Wie das geschah, mag die folgende Geschichte veranschaulichen.


„Expertenurteil“

„April 1946. Der Junge hat eine wunderschöne rote Tulpe gemalt. Darunter ist noch Platz, der nach Ergänzung schreit. Und die kommt spontan, fast von selbst:

„Die Tulpe mit dem lieblichen Duft
blüht draußen in Gottes freier Luft.“

Stolz zeigt er das Blatt dem Großvater, einem alten Geneickener. Ein kurzer Blick:

„Tulepe? Die ruuke doch jaa net!“ (= Tulpen? Die duften doch überhaupt nicht!)“


So „verheerende Folgen“ kann also ein unbedachtes Wort auf „zarte Kinderseelen“ haben.

Wie gesagt, ich bin zwar kein Dichter geworden, aber wenn ich einer Einladung Folge leiste und ohne „Gedicht“ ankomme, ist Enttäuschung beim Gastgeber vorprogrammiert.

Wie es dazu kam? Nun, in grauer Vorzeit habe ich einmal den folgenschweren Fehler begangen, mich mit einem kleinen Stück „Gebrauchslyrik“, also einem in gefälligem Rhythmus und mit Reimen abgefassten „Gedicht“ zu bedanken. Von da an hat im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis jeder so etwas erwartet.

Seitdem sind Hunderte solcher Gebilde entstanden. Die genaue Zahl kann ich nicht mehr herausfinden, denn in der Anfangszeit, lange vor dem Siegeszug des Computers, habe ich sie kalligraphisch gestaltet, von Hand natürlich. Eine Zeit lang habe ich zwar die jeweiligen Schmierzettel aufbewahrt, aber ein Großteil davon ist inzwischen verloren gegangen. Viele dieser alten Werke grüßen mich jedoch, schön gerahmt, von Wohnzimmer- und Bürowänden, wenn ich mal vorbeischaue.

Ein Dichter konnte ich nie werden, weil es mir ganz einfach an Phantasie fehlt. Für meine Gebrauchslyrik habe ich mir aber ganz gut mit einem Trick helfen können. Mein Trick beruht auf den antiken Stilmittel des Akrostichons.

Von einem Akrostichon spricht man, wenn die Anfangsbuchstaben aller Zeilen eines Textes von oben nach unten gelesen wiederum einen Text ergeben, einen Namen, einen Spruch oder dergleichen.
Etwas ganz Kurzes zu finden, das sich zum Akrostichon eignet, fällt auch einem phantasiearmen Wesen wie mir nicht schwer. Zur Not tut es der Name des zu Beglückenden. Dieses Kurze schreibe ich mir senkrecht auf ein Blatt, und dann brauche ich nur noch die Zeilen auszufüllen, mit passendem Versmaß und Reimen,
versteht sich. Wenn das fertige Ergebnis auch noch Sinn macht und zum Anlass passt, um so besser.
Die Schwierigkeiten einiger Bekannter, die es mir nachtun wollten, aber nicht so ganz geschafft haben, kann ich mir nur so erklären: Sie sind nicht im Training.

Mein Training hat mit Kreuzworträtseln zu tun. Nachdem ich schon als junger Mensch (war ich auch mal) alle nur erreichbaren Kreuzworträtsel ausgefüllt hatte, schreibe ich seit einigen Jahren selber welche für verschiedene Zeitungen. Und ich lese natürlich immer und immer wieder klassische Gedichte, und zwar laut. Dadurch bekommt man ein Gespür für die Sprache der Dichtung, auch wenn man selber kein Dichter ist.

Bilanz: „Gebrauchslyrik“ als Hobby macht richtig Spaß. Den Beschenkten wie dem „Dichter“. Sollte man mal versuchen.

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